Eins gleich vorneweg: Begegne der anderen Seite von Beginn an auf Augenhöhe! Manche Bewerber gehen auch heute noch als Bittsteller ins Vorstellungsgespräch und haben Angst davor, dass sie den möglichen Arbeitgeber nicht von sich überzeugen können. Dabei würden sie mit einer positiv-selbstbewussten Grundeinstellung deutlich besser fahren.

In den meisten Interviews kommt es nach der Begrüßung zur Aufforderung „Erzählen Sie etwas über sich“. Danach stellt der Arbeitgeber zahlreiche Fragen, ehe du als Bewerber noch eigene Fragen stellen kannst. Ein solches Gespräch läuft folglich sehr eindimensional-hierarchisch ab – mit der Annahme, dass der Arbeitgeber alleine entscheidet, was gerade zu tun ist. Damit du im Gespräch auf Augenhöhe kommunizierst, kannst du dich entsprechend vorbereiten: Überlege dir ein Set an eigenen Fragen, mache dir Gedanken zur Dramaturgie des Gesprächs und an welchen Stellen du selbst die Unterhaltung lenken kannst.

Was hinter den klassischen Fragen steckt

„Warum sollten wir uns für Sie entscheiden?“ oder „Warum sind Sie der richtige Kandidat für uns?“ können zwei der klassischen Fragen sein, die dir gestellt werden. Es geht darum, dass du dir deiner persönlichen und fachlichen Stärken bewusst bist und dass du schnell auf den Punkt bringen kannst, was dich auszeichnet. Dies natürlich bezogen auf deinen beruflichen Hintergrund und all deine Erfahrungen, mit denen du jetzt punkten kannst.

Im Coaching erlebe ich viele Bewerber, denen an dieser Stelle wenig einfällt. Deshalb sprechen wir schon frühzeitig über persönliche Stärken und gute Gründe, weshalb genau die Bewerberin für die entsprechende Position eingestellt werden sollte. Es geht hier weniger um eine stichwortartige Aufzählung von Eigenschaften, sondern um ausformulierte Sätze. Wir sprechen über die spezifische Berufserfahrung und beschreiben die Aufgaben und Inhalte sehr konkret, gleiches tun wir hinsichtlich Soft Skills und persönlicher Stärken. Die meisten Bewerber kommen schnell auf fünf bis zehn Punkte, einige schaffen auch locker 20 Stärken, aber nur wenige kommen in dieser Phase auf mehr Aspekte. Was du hier tun kannst: Sprich dein persönliches Umfeld an, welche Stärken und besonderen Eigenschaften sie in dir sehen. Das können deine besten Freunde, deine Eltern, deine Verwandtschaft, natürlich deine Partnerin oder auch ehemalige Kollegen sein. Mit diesem Brainstorming finden einige Teilnehmer ganz überraschende Einsichten über ihre Persönlichkeit. In der Hauptsache geht es darum, dass du dir all deine Fähigkeiten bewusst machst und anhand konkreter Erfahrungen benennst.

Mit diesem Portfolio ausgestattet kannst du dir überlegen, wie du deinen Lebenslauf und dein Bewerbungsanschreiben ansprechend ausformulierst. Besonders zugutekommen dir deine Stärken spätestens im Vorstellungsgespräch. Hier punktest du mit deiner Antwort auf Fragen wie „Warum glauben Sie, dass Sie die richtige Kandidatin für uns sind?“ oder „Was sind Ihre größten Stärken und Schwächen?“ Für dich geht es hier darum, dass du deine persönlichen und fachlichen Fähigkeiten mit den Anforderungen der offenen Stelle verbindest. Gesetzt den Fall, du würdest dich auf eine Stelle als Redakteur bewerben, dann wäre es kaum zielführend, wenn du deine frühere Anstellung als Laborleiter erwähnst. Stattdessen reißt du kurz deine bisherige Erfahrung als Autor wissenschaftlicher Publikationen an und gehst auf deinen Business-Blog ein.

Ähnlich gelagert ist die Frage „Was würden Ihre früheren Kollegen über Ihre größten Stärken und Schwächen sagen?“. Hier kannst du besondere Leistungen aus dem Teamwork erwähnen oder auf Inhalte aus deinen Arbeitszeugnissen eingehen: Hast du eine Veranstaltung mitorganisiert, die besonders erfolgreich war? Warst du für einen Arbeitsbereich verantwortlich, in welchem du Mitarbeiter unterwiesen hast? Es ist in Ordnung, wenn du über ein, zwei deiner Schwächen redest – aber nicht mehr. Das können Schwächen sein, die mit der angestrebten Stelle nichts zu tun haben oder du erwähnst eine Qualifikation, die du aktuell erwirbst: stehst du gerade vor dem Abschluss einer fachlichen Weiterbildung? Entspricht diese einer der in der Stellenausschreibung erwähnten Anforderungen?

Dein Arbeitgeber wird dich vermutlich auch hinsichtlich deiner Fachkenntnisse testen. Eine der klassischen Fragen könnte hier sein: „Was halten Sie von der aktuellen Entwicklung im Bereich…?“ Das kann die Digitalisierung, die Weltwirtschaft, das Corona-Virus, der Klimawandel oder natürlich ein ganz fachspezifisches Thema sein. Hier kannst du dich gezielt vorbereiten, indem du einerseits die aktuellen Nachrichten verfolgst. Noch besser ist es, wenn du außerdem brancheninterne News aufgreifst, den Newsletter des Arbeitgebers der letzten Wochen und Monate verfolgst und die letzten Jahresberichte durchforstest. So hast du zugleich aktuelle Referenzen, auf die du dich auch mit Gegenfragen im Interview beziehen kannst.

 

Drehe den Spieß um und stelle selbst Fragen

Überlege dir, mit welchen Fragen du möglichst reichhaltige Informationen über deine künftige Arbeit bekommst. Ideal sind etwa zehn stichpunktartige oder ausformulierte Fragen, die du dir in einem möglichst hochwertigen Notizbuch hinterlegst. Dieses kannst du zum Interview auf den Tisch legen, um deine Notizen zu ergänzen. Manche Antworten werden sich schon aus dem Gespräch heraus ergeben. Ich habe in den vergangenen Interviews an den entsprechenden Stellen eingehakt und gezielt nachgefragt. So habe ich oft ganz nebenbei erfahren, ob mein potenzieller Arbeitgeber streng an der meist vorgegebenen Struktur festhält: Klassisch-hierarchisch, nach welcher der Bewerber erst am Ende ein, zwei Fragen stellen darf – oder gleichberechtigt auf Augenhöhe, wobei ich als aktiv mitdenkender und die Initiative ergreifender Mitarbeiter begrüßt wurde. Ich habe beide Seiten kennengelernt und mich am wohlsten gefühlt, wenn sich ein offener Dialog entsponnen hat. Lässt sich die andere Seite nicht darauf ein, dann bringst du deine Fragen in der letzten Phase des Interviews ein.

Einige der zahlreichen möglichen Fragen, die du stellen kannst, sind:

  • „Warum ist die Stelle ausgeschrieben? Wurde sie neu geschaffen? Wenn ja, warum?“
  • „Wenn ich in den nächsten sechs Monaten alle Ihre Erwartungen im Job erfülle: wie könnte es dann für mich weitergehen?“
  • „Von mir aus sage ich jetzt meine übrigen Vorstellungsgespräche ab und schaue mir Ihr Angebot genauer an. Und Sie?“

Mit der Antwort auf die erste Frage erfährst du, ob eine bereits besetzte Stelle wieder vakant ist oder ob sich das Unternehmen auf Wachstumskurs befindet. In der zweiten Frage steht zur Debatte, welche Leistung von dir erwartet wird; hier bekommst du meist mehr Informationen als im Ausschreibungstext genannt ist. Du kannst außerdem nachhaken, indem du nach der Zufriedenheit mit der Leistung deines Vorgängers fragst. Zugleich bekommst du einen Ausblick auf deine mittelfristige Zukunft. Die Frage ähnelt jener des Arbeitgebers, wenn er dich fragt „Wo sehen Sie sich in drei Jahren?“ Bringe ich das dritte Statement in Seminaren ins Spiel, ernte ich oft irritierte Blicke und so manchen Widerspruch. Dieses ist sicher offensiv vorgetragen und mag eher dem amerikanischen Stil entsprechen. Es kann jedoch passen, wenn das Gespräch schon weit fortgeschritten ist und du zugleich das Gefühl hast, dass der Arbeitgeber schon von dir überzeugt ist. Er schließt außerdem an die Selbstvorstellung an und entspricht hier dem Appell im Elevator Pitch.

 

Präsentiere dich mit Überzeugung

Es gibt im Internet hunderte, wenn nicht tausende von Hinweisen, wie du dich im Vorstellungsgespräch überzeugend darstellen kannst. An dieser Stelle nenne ich dir fünf Punkte, die mein sehr geschätzter Kollege und Präsentationsexperte Matthias Garten zum „Presentation Rocket Day“ 2018 für Vorträge hervorgehoben hat.

Es geht um fünf häufig vorkommende Vortragsfehler und bessere Alternativen, die sich sinngemäß auch auf Vorstellungsgespräche übertragen lassen:

  • Empathie statt Egozentrik. Das Interview ist keine One-Man-Show, sondern ein möglichst offen gestalteter Dialog. Dass du ausgewiesener Fachexperte bist, ist an der Stelle oft weniger entscheidend als deine Fähigkeit, dein Gegenüber zu verstehen. Kannst du dich in die Lage der Personalerin und des künftigen Chefs versetzen? Bist du ehrlich an den Zielen und Bedürfnissen des Arbeitgebers interessiert und kannst diese im Gespräch adressieren? Kannst du anhand von Körpersprache und Stimme erkennen, ob der andere interessiert oder gelangweilt ist – und deine Kommunikation entsprechend anpassen?
  • Fokus statt Ziellosigkeit. Kannst du Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden und kommst du schnell auf den Punkt? Ob im Elevator Pitch oder beim Beantworten der Fragen: vermeide thematische Abschweifungen, die keinen Bezug zum Arbeitsinhalt haben und konzentriere dich auf die wirklich relevanten Informationen. Gibt es ein Matching zwischen deinem Elevator Pitch und dem Unternehmens- oder Projektziel?
  • Spannend, nicht langweilig. Bist du in der Lage, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und wesentliche Informationen genauer zu beschreiben, anstatt deine vergangenen Tätigkeiten einfach aufzulisten? Wenn du im Lebenslauf Wendungen deiner Karriere darstellst, erkennst du darin einen roten Faden und den nächsten logischen Schritt in deiner persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung? Welche Story erzählt im Vergleich dein Gesprächspartner hinsichtlich Unternehmensentwicklung und künftiger Ziele?
  • Innovativ statt altmodisch. Bist du mit deinem Fach- und Branchenwissen auf dem neuesten Stand? Kennst du die aktuelle Branchenentwicklung und die neuesten Nachrichten? Ist das Unternehmen aktuellen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen? Wie positionieren sich die Fachkollegen zu aktuellen Trends? Kommunizieren sie mit dir auf Augenhöhe? Lassen sie eine offene Diskussion zu?
  • Sei einzigartig statt austauschbar. Was macht dich als Mensch aus? Was hebt dich von allen anderen Bewerbern ab? Warum passt du ideal in das neue Team? Welche einzigartigen Erfahrungen bringst du ein, die einen echten Mehrwert am neuen Arbeitsplatz geben? Wofür steht andererseits die Firma selbst? Lebt sie ihren Slogan vor – und wie äußern sich die Entscheider dazu?

Abseits all der Standard-Fragen erhältst du somit ganz wesentliche Informationen vom Arbeitgeber. So kannst du dir in kürzester Zeit ein erstes umfassendes Bild vom Unternehmen machen und prüfen, ob du tatsächlich dort einsteigen willst.

Als Fazit kannst du festhalten: Nicht nur du positionierst dich im Vorstellungsgespräch. Auch der Arbeitgeber muss dich davon überzeugen, dass es zu dir passt und dir einen Mehrwert gibt.

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