Im letzten Blog haben wir herausgearbeitet, warum heute anders präsentiert wird als früher: Vorträge werden gerade mit Anekdoten und Geschichten noch anschaulicher (Stichwort „Storytelling“); außerdem gewinnt die Interaktion bzw. der Dialog des Redners mit dem Publikum an Gewicht. Im diesem Blog hebe ich hervor, warum wir nicht jeden der gängigen Hinweise von Rhetorik-Trainern für bare Münze nehmen müssen. Weiterhin vertiefe ich das Thema „Storytelling“.

 

Gute Inhalte sind die Basis für gute Vorträge

Die Mehrzahl der Rhetorik-Trainer – selbst jener mit langjähriger Berufserfahrung – legt einen der bekanntesten Zahlen zur Wirkung von Vorträgen falsch aus. Der seit 1971 weit verbreitete Mythos ist die falsch verbreitete Formel: 7 % Inhalt – 38 % verbale Signale – 55 % Körpersprache.

Für eine gelungene Präsentation wären gute Inhalte demnach vernachlässigbar. Der Autor dieser Studie, Dr. Albert Mehrabian, wird nicht müde, diese Zahlen in den richtigen Kontext zu setzen: Sie besagen in Wirklichkeit, dass wir uns in „inkongruenten“ Situationen eher auf stimmliche und körpersprachliche Signale verlassen, als auf den Inhalt des gesprochenen Wortes. Wir merken instinktiv, wenn jemand seine Meinung nicht ehrlich äußert. Was bedeutet das nun für unsere Präsentation? Solange wir nicht über Gefühle oder Meinungen zu einem Thema sprechen, gilt die 7-38-55-Regel nicht: Sie bezieht sich nur auf Gefühls- und Meinungsäußerungen! Erst wenn wir im Vortrag etwa über Selbstbewusstsein sprechen, uns aber unsicher verhalten – was etwa durch Körpersprache sichtbar wird – glauben wir weniger dem Inhalt als den nonverbalen Signalen des Redners.

Untermauern können wir dies mit einem kleinen Gedankenspiel: Stell‘ dir vor, jemand erzählt dir den größten Mist. Einzig seine Körpersprache und Stimme begeistern dich. Gerade wo Zahlen, Daten und Fakten eine besonders wichtige Rolle spielen, würdest du dich mit schlecht aufbereiteten Inhalten schnell unglaubwürdig machen. Denn saubere Daten bilden eine solide Basis solcher Vorträge, so etwa in der Wissenschaft oder im Business. Wenn du gut vorbereitet und mit deiner Persönlichkeit präsent bist, wenn du außerdem im Vortrag ganz bei dir selbst bist, folgen Körper und Stimme fast automatisch.

 

Vorsicht vor einschlägigen Rhetorik-Hinweisen

Vorsicht auch vor so manchen anderen Rhetorik-Tipps! Viele der einschlägigen Ratgeber warnen davor, dass wir die Arme nicht verschränken oder unsere Hände nicht auch mal in die Hosentaschen stecken dürfen. Als Trainer und Präsentations-Coach sehe ich immer wieder Redner, die aber genau das tun – und es wirkt auf mich in den allermeisten Fällen nicht nachteilig. Die Redner strahlen im Gegenteil sogar eine gewisse Lockerheit und Unverkrampftheit aus. Solange daraus keine Dauerhaltung wird, ist nichts dagegen einzuwenden. Erst die Kombination aus verschränkten Armen mit anderen Merkmalen wie etwa unsicherer oder brüchiger Stimme oder vorheriger Einschüchterung des Redners etwa durch aggressive Zuschauer sind sich verdichtende Anzeichen von Unsicherheit. Ein dynamischer Redner zeigt eine aktive Mimik und Gestik, hat vielleicht auch mal eine Hand in der Hosentasche, spielt aber nicht in dieser herum und holt sie nach kurzer Zeit auch wieder aus der Hosentasche heraus.

Warum verschränken Menschen nun ihre Arme? Die gängigen Interpretationen sind: sie wollen sich abgrenzen, suchen persönlichen Schutz, sind desinteressier oder agieren nur widerwillig, wenn sie vor Publikum stehen. Darüber hinaus können verschränkte Arme oder Hände in Hosentaschen aber auch ganz einfach eine entspannte Körperhaltung wiedergeben. Im Dialog kommt noch hinzu, dass ich meinem Gesprächspartner gern und aufmerksam zuhöre. Kurz gefasst: Wir sollten körpersprachliche Signale nicht vorschnell interpretieren, sondern außerdem in den aktuellen Kontext setzen: Nicht jeder, der seine Arme verschränkt, ist unsicher oder seinem Publikum abgeneigt. Kommunikation und Körpersprache sind sehr individuell.

 

„Merk-würdig“ und publikumswirksam inszenieren

Als ich im Jahr 2008 als Dozent mit Vorlesungen und Seminaren an der Universität angefangen habe, war ich inhaltlich noch nicht gefestigt in dem, was ich den Studenten weitergegeben habe. Damals fühlte ich mich erleichtert, dass ich einen ziemlichen Sicherheitsabstand zu den Studenten hatte: zwischen uns befanden sich große Tische, ein Rednerpult oder der unvermeidliche Videoprojektor bzw. „Beamer“. Dank des klaren Feedbacks habe ich aber schnell gelernt, auch mit Nähe umzugehen und eine viel persönlichere Verbindung zu den Studenten aufzubauen. Indem ich diese Barrieren zwischen uns abgebaut oder umgangen habe, konnten wir schon bald anstelle recht distanzierter Frontalvorträge viel häufiger spannende Diskussionen führen. Das hat beide Seiten angeregt und uns gemeinsam auch viel schneller nach vorn gebracht hat. Wir können festhalten: unsere Vorträge wirken meist umso stärker, je näher wir am Publikum sind.

Wie kannst du deinen Auftritt nun inszenieren, wenn du selbst als Redner angekündigt wirst? Frank Asmus, Regisseur und Coach für exzellente Präsentationen, empfiehlt, dass du am besten von der linken Seite auf die Bühne kommst – und zwar aus strategischen Gründen, weil wir Menschen von links nach rechts denken, zumindest in der westlichen Hemisphäre. Während des Vortrags stehst du am vorderen Teil der Bühne, wenn du etwas Persönliches mitteilst, während der hintere Teil gut für die Beweisführung passt, so Asmus.

Oft können wir Redner beobachten, die scheinbar ziellos auf der Bühne herumtigern. Ich habe mit einigen Rednern gesprochen, warum sie dies tun und finde als häufigste Gründe die folgenden: sie leiten so ihr Lampenfieber ab und möchten Souveränität im Vortrag zeigen; sie wollen körperlich präsent sein und eine gewisse Dynamik ausstrahlen; sie sorgen für eine hohe Aufmerksamkeit des Publikums. Die Meinung des Publikums mag damit nur bedingt übereinstimmen. Asmus empfiehlt, dass wir als Redner unsere Vorträge noch viel gezielter inszenieren: du startest deinen Vortrag idealerweise von der Mitte der Bühne aus. Professionelle Redner beachten hier den Dreiklang Ihres Auftritts: der Hauptteil einer Rede besteht aus drei Abschnitten: Du stehst auf der linken Seite der Bühne, wenn du den ersten Abschnitt erzählst, in der Mitte beim zweiten und auf der rechten Seite beim dritten Abschnitt deines Vortrags. Das Fazit bzw. die Zusammenfassung folgen wieder von der Mitte der Bühne aus. Schließt sich hier noch eine Diskussion an, nimmst du die entsprechenden Positionen wieder ein – je nachdem, über welchen Abschnitt der Präsentation du gerade diskutierst. Frank Asmus weist auch darauf hin, dass gerade ein solcher Aufbau eine sehr gezielte Vorbereitung benötigt. Ich habe selbst sehr gute Erfahrungen damit gemacht.

 

Zahlen, Daten und Fakten unterhaltsam vortragen

Professionelle Redner bereiten sich sehr gewissenhaft und detailliert auf ihre Auftritte vor. Jenseits von Inhalten punkten sie bei ihrem Publikum vor allem mit Persönlichkeit und ihrem ganz individuellen Stil. Einige der besten Reden analysiere ich nachfolgend.

Kann man trockene Zahlen, Daten und Fakten (ZDF) unterhaltsam vortragen? In seinem TED Talk „The best stats you’ve ever seen” von 2006 zeigt Hans Rosling anschaulich, wie sich Geburtenraten und Lebenserwartung weltweit entwickeln. Seine enthusiastisch-lebendige Art in Kombination mit der hier animierten Grafik macht diesen Vortrag nicht nur einzigartig, sondern auch einprägsam: Rosling nimmt sich genug Zeit, die Grafik seinem Publikum zu erklären – mit allen wichtigen Informationen, dabei einfach und auf den Punkt. So kann sein Publikum auch inhaltlich schnell folgen. Rosling‘s Enthusiasmus ist ansteckend, und so gewinnt er sein Publikum spätestens, als er sich mit der Stimme fast überschlägt. Gleichwohl ist dieser Abschnitt seines Vortrags bestens einstudiert, was sich etwa am Tempo der Jahreswechsel in der Animation ablesen lässt. Fast beiläufig entlarvt Rosling außerdem falsche Mythen über „Entwicklungsländer“.

Die Daten, die Rosling präsentiert, erzählen eine ganz eigene Geschichte. Er betet seine Daten nicht trocken in einer Zahlenkolonne herunter, sondern setzt sie in einen klaren Entwicklungskontext: Welchen Ausgangspunkt sehen wir 1962? Wo stehen wir im Verhältnis dazu im Jahr 2003? Was passiert in der Zwischenzeit? Rosling hebt einzelne Daten bzw. Länder hervor und gibt dazu einzelne Detailinformationen. In Kombination erzählt er kurze und im weiteren Verlauf des Vortrags auch manche persönlichen Anekdoten, wodurch die Inhalte viel eingängiger und leichter verständlich sind.

Ich kann jedem, der Statistiken und Entwicklungen unterhaltsam vorstellen möchte nur nahelegen, sich dieses Video anzuschauen, besonders den hier diskutierten Abschnitt zwischen 3.18 und 4.55 Minuten.

 

Storytelling und Dramaturgie

Ein anderer Meister des Storytellings war unzweifelhaft Steve Jobs. Jobs hat es geschafft, die Apple-Produkte durch packend erzählte Geschichten zu vermarkten – und hat mit einer ganz anderen Rede, der Stanford Commencement Address von 2005 seine ganz persönliche Geschichte auf einzigartige Weise zusammengefasst.

In dieser Rede schafft Jobs zunächst eine persönliche Verbindung zum Publikum, als er es komplimentiert und seinen fehlenden Uniabschluss thematisiert: „Ihr habt das College bestanden. Ich selbst habe keinen College-Abschluss…so nah wie heute war ich noch nie an einer Abschlussfeier dran.“ Das Publikum johlt bereits jetzt.

Es folgt der oben beschriebene, auch von Frank Asmus hervorgehobene Dreiklang: „Heute werde ich drei Geschichten aus meinem Leben teilen. Das ist alles. Keine große Sache, nur drei Geschichten. Nur drei Geschichten.“ In der ersten Geschichte setzt Jobs seine Biographie in Kontext („Connecting the Dots“): Er sieht keinen Sinn in seinem Studium, bricht es daraufhin ab und kommt so zu seinem Kalligraphie-Kurs. Jobs deutet diesen Kurs im Nachhinein als exzellente Weiterbildung um, weil erst dadurch die Schrifttypen beim Mac entstehen konnten. Er schließt mit dem Statement „Man muss an etwas glauben. Diese Haltung…macht den ganzen Unterschied aus.“

Die zweite Geschichte handelt von Liebe und Verlust („Love and Loss“). Hier gleicht die Dramaturgie einer aufregenden Achterbahnfahrt: Vom typischen Garagen-Startup zum Zwei-Milliarden-Dollar-Unternehmen in zehn Jahren. „Und dann wurde ich gefeuert! Wie kann man aus seiner eigenen Firma gefeuert werden?“ und „…aber ich – ich hab‘ immer noch gebrannt. Und so habe ich mich entschlossen, neu anzufangen.“ Die Geschichte sorgt für mehrere überraschende und damit umso dramatischere Wendungen. Außerdem stellt Jobs hier die anfängliche „Last des Erfolgs gegen die Leichtigkeit des Anfängers“, ehe er zu Apple zurückkehrt: Die klassische Geschichte vom verlorenen Sohn, der wieder zu seiner Familie findet – auch wenn Jobs hier der Ausgestoßene selbst war. Die Rede enthält markige Worte, die er stets bildhaft erzählt: „…bittere Arznei, die der Patient gebraucht hat. Manchmal knallt einem das Leben etwas an den Kopf.“ Jobs beendet diesen Abschnitt, indem er Spaß, Leidenschaft und Herz betont und weitere kurze Appelle setzt: „Finden Sie heraus, wofür Ihr Herz schlägt.“, „Suchen Sie weiter, und geben Sie sich nicht mit weniger zufrieden. Geben Sie sich nicht mit weniger zufrieden“ und „Es wird immer besser.“ Mit den Wiederholungen wirkt Jobs noch eindringlicher, ähnlich wie Martin Luther King mit seinem wiederholten Appell „I still have a dream…I still have a dream.”

Im dritten Abschnitt geht es um Leben und Tod: „Wenn man jeden Tag lebt, als wäre es der letzte, wird man irgendwann Recht haben.“ Wir sollten etwas ändern, wenn wir an zu vielen Tagen hintereinander Dinge tun, die wir nicht tun wollen. Jobs versteht es meisterhaft, sein Publikum aus gegebenem Anlass direkt zu adressieren, indem er seine persönlichen Erfahrungen teilt und damit sein Publikum zu neuen Denkweisen und Ansichten inspiriert. Es folgen die Krebs-Diagnose und die Erkenntnis, dass sein Krebs heilbar ist. „Tod ist die beste Erfindung des Lebens…“ und schaffe als Motor des Wandels auch Platz für Neues. Wir sollen unsere Zeit nicht vergeuden, unserer inneren Stimme und dem Herzen folgen, appelliert Jobs. Auch hier fallen wieder die zahlreichen Appelle auf. Folgerichtig beendet Jobs seine Rede mit einem dreifach ausgesprochenen Appell: „Bleibt hungrig. Bleibt verrückt.“ („Stay hungry. Stay foolish.“)

Bei aller Liebe offenbart Jobs in dieser Rede aber auch ungeahnte Schwächen, von denen ich dir für deine künftigen Vorträge abrate: Anstatt dich hinter einem Podest zu verstecken, schaffst du möglichst direkte Nähe zu deinem Publikum – so wie ich es eingangs anhand meines eigenen Beispiels dargestellt habe. Einen Großteil des Textes liest Jobs hier ab; ich empfehle, möglichst frei zu sprechen oder nur kleine Notizzettel zu nutzen. Da hier auch seine Mimik und Gestik sehr reduziert sind, transportiert Jobs nicht das sonst so präsente eigene Wow-Gefühl bei dieser Gelegenheit. Seine Emotionen sind trotz der vielen persönlichen Geschichten relativ überschaubar.

Was wir von Steve Jobs hingegen lernen können, ist das Erzählen ganz persönlicher Geschichten. Im Business-Kontext sollten diese natürlich inhaltlich als Anekdote oder als Parabel passen: Schließlich erzählen wir Geschichten nicht um der Geschichte willen, sondern stets passend zum Anlass. Was im Business immer geht: Dass wir unsere Erfahrungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse abwägen können. Jobs nutzt eine einfach verständliche Sprache mit klaren Botschaften und kommt schnell auf den Punkt, ohne sich inhaltlich auf Nebengleisen zu verzetteln. Nicht umsonst ist Steve Jobs eine der entscheidenden Persönlichkeiten, die dem 21. Jahrhundert ihren Stempel durch hervorragende Reden aufgedrückt haben.

Wie drückst du deinem Publikum den Stempel auf? Was macht für dich ein hervorragender Vortrag aus? Und welche Vorbilder hast du, wenn du dich vor Publikum präsentierst?

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