Darf Forschung Emotionen wecken? Und wenn ja, was hat mein Publikum davon?

Sarah’s Vortrag war verständlich und unterhaltsam, in der Diskussion hat sie neue Ideen und Einsichten gewonnen. In der Kaffeepause wird Sarah von anderen Menschen angesprochen, die mehr über ihr Projekt erfahren wollen. Simon hat interessiert zugehört und fragt nach, wie sie ihre so gut gelungene Präsentation vorbereitet hat.

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete

Sarah ist Doktorandin. In ihrem Projekt behandelt sie die Themen Migration und interkulturelle Kommunikation. Sie erzählt: „Schon im Vorfeld habe ich mir einige grundlegende Fragen beantwortet. Das war wichtig für meinen Erfolg: Ich habe jetzt Klarheit über meine eigene Motivation und weiß genau, was mich an meinem Forschungsprojekt begeistert.” Zwar hat Sarah die Idee für ihr Projekt nicht selbst entwickelt, aber das Thema hat sie von Anfang an gereizt.

Damit auch Simon’s nächste Präsentation gelingt, setzt er sich mit den folgenden Fragen auseinander:

  • Warum arbeite ich an diesem Projekt mit? Was motiviert mich?
  • Was verbindet mich persönlich (und emotional) mit dem Forschungsthema?
  • Mit welcher Anekdote kann ich meine emotionale Beziehung zum Projekt ausdrücken?

Sarah’s Antworten fallen singemäß so aus: Sie arbeitet am Projekt mit, weil es zu ihrem besonderen Interesse für andere Kulturen und deren Geschichte passt. Durch zwei Auslandspraktika in Mexiko und Indonesien hat sie spannende Kontakte geknüpft und neue Freunde gefunden.

In ihrem Vortrag schildert Sarah lebhaft, wie sie nach ihrer Ankunft in einer Großfamilie aufgenommen wurde, und wie beide Seiten Verständnis für unterschiedliche kulturelle Verhaltensweisen entwickelt haben. Das verknüpft sie mit der Überleitung in ihr aktuelles Projekt. So bringt Sarah ihre persönliche und emotionale Beziehung zu ihrem Forschungsprojekt ein. Ihre Begeisterung am Thema kommt sofort beim Publikum an.

Was erwartet mein Publikum?

Bei aller Begeisterung: Sarah’s Publikum erwartet natürlich in erster Linie Fakten – konkrete Ergebnisse aus ihrer Forschung, die sie präsentiert und zur Diskussion stellt. Ihren Vortrag bereitet sie mit gängigen Begriffen aus ihrem Fachjargon auf. Vor einem fachfremden Publikum würde sie eine einfache Sprache wählen, in denen sie nur allgemein bekannte Fachbegriffe benutzt.

Sie macht sich auch Gedanken, mit welchen Erwartungen das Publikum zu ihrem Vortrag kommt. Ihre Kollegen arbeiten wie Sarah meist an Forschungsprojekten zu Migration und interkultureller Kommunikation. Sie stellt sich auf ein Publikum aus Sozialpädagogen und Referenten internationaler Organisationen ein.

Damit auch Simon die Inhalte seines nächsten Vortrags gezielt vorbereiten kann, stellt sie ihm folgende Fragen:

  • Welchen aktuellen Wissensstand bringt das Publikum mit (fachliche Spezialkenntnisse aus Theorie und Praxis)?
  • An welchen Inhalten ist mein Publikum besonders interessiert? Was sollen die Zuhörer nach dem Vortrag wissen?
  • Welchen besonderen Mehrwert können meine Zuhörer aus dem Vortrag mitnehmen?

Auch Simon’s Publikum ist größtenteils wissenschaftlich versiert und möchte Erkenntnisse aus neuesten Studien gewinnen. Allerdings ist Simon an dieser Stelle noch nicht mit dem Transfer seines Grundlagenwissens in die Praxis vertraut. Dafür könnte er jetzt direkt auf der Tagung oder über ResearchGate und LinkedIn Kontakt zu Sozialpädagogen und Referenten aufnehmen, um dieses Thema anzusprechen. So erweitert er auch gleich noch sein persönliches Netzwerk.

Wissenschaft lebt von Erzählungen

Als ehemalige Studenten teilen Sarah und Simon eine Erfahrung: Viele Vorlesungen und Seminare waren damals schwer verdaulich. Die Themen, die sie beide begeistern, haben manche Dozenten mit endlosen Fakten vorgetragen. Dagegen erinnern sich beide gern an zahlreiche Details aus Vorlesungen, in denen ihre Dozenten inhaltliche Grundlagen mit persönlichen Erlebnissen verknüpfen konnten.

Damit Wissenschaft auch für Außenstehende wieder spannend wird, wird künftig auch Simon manche passenden Geschichten in seine Vorträge einbauen. Er ist sich mit Sarah einig, dass wissenschaftliche Fakten und Ergebnisse auch in Zukunft präzise dargestellt werden müssen. Aber dank „Storytelling” werden Vorträge wieder lebendiger. So überzeugen kurze und prägnante Geschichten immer dann, wenn sie bestehendes Wissen mit neuen Erkenntnissen verknüpfen.

Sarah hat alles richtig gemacht: Sie hat mit ihrem Vortrag überzeugt und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse in weiteren Gesprächen mit Kollegen untermauert. Dort wird ihr jetzt sogar ein Folgeprojekt in Aussicht gestellt. Und Simon gewinnt Sarah als Mentorin: Sie vereinbaren ein weiteres Treffen, in dem sie ihm den Aufbau und die wichtigsten Elemente für eine erfolgreiche Präsentation schildern wird.

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